Im Blickpunkt Nr. 5
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Zustimmung oder Ablehnung? So stimmten die Mitglieder über die Anträge ab

Für die ordentliche Mitgliederversammlung (MV) wurden insgesamt zehn Anträge form- fristgerecht eingereicht, darunter sechs Satzungsänderungsanträge und vier weitere Anträge. Wie haben die anwesenden Mitglieder am Sonnabend (4.9.) bei der ersten MV überhaupt am Millerntor über die einzelnen Anträge abgestimmt? Hier fassen wir die Abstimmung über die einzelnen Anträge in der Reihenfolge, wie diese zeitlich eingereicht worden waren, zusammen.

Die erste ordentliche Mitgliederversammlung 2021 sollte zunächst allen Antragsteller*innen aus dem letzten Jahr die Möglichkeit geben, ihre Anträge erneut einzureichen und hierüber diskutieren und abstimmen zu lassen. Hintergrund hierfür ist, dass die ordentliche Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr nur im Rahmen einer Online-Mitgliederversammlung durchgeführt werden konnte und sich Präsidium und Antragsteller*innen darauf verständigt hatten, keine Anträge zu dieser Online-Versammlung einzureichen, da eine digitale Aussprache und Diskussion der Bedeutung und Tragweite der eingereichten Anträge nicht gerecht geworden und schwer durchführbar gewesen wäre. Daneben hatten natürlich die Mitglieder auch die Möglichkeit, form- und fristgemäß neue Anträge zu dieser ersten Mitgliederversammlung zu stellen. Über folgende Anträge wurde wie folgt abgestimmt:

SATZUNGSÄNDERUNGSANTRÄGE

(Dreiviertelmehrheit aller gültigen Stimmen notwendig)

DFB-STATUT

Kurzzusammenfassung: Die in der Satzung des FC St. Pauli v. 1910 e.V. formulierte Regelung bezieht sich ausschließlich auf die Zugehörigkeit zur Bundesliga und 2. Bundesliga. Daher ist eine Erweiterung der Regelung für die Teilnahme am Spielbetrieb 3. Liga und eine Anerkennung auf das Statut 3. Liga vorzunehmen.  

Vizepräsidentin Christiane Hollander schilderte zunächst die Gründe für den Antrag und die Erweiterung der Regelung für die Teilnahme am Spielbetrieb in der 3. Liga. Der Antrag wurde anschließend ohne Gegenstimme und bei nur einer Enthaltung angenommen.

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ABSICHERUNG DER GEMEINNÜTZIGKEIT

Kurzzusammenfassung: Die vorgeschlagenen Änderungen basieren auf Hinweisen des Finanzamtes, um die Qualifikation des Vereins als gemeinnützig rechtlich abzusichern.  

Auch bei diesem Satzungsänderungsantrag richtete Hollander zunächst einige Worte an die Mitgliederversammlung und erläuterte auch hier die Notwendigkeit des Antrages. Ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung wurde der Antrag anschließend einstimmig angenommen.

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EINFÜHRUNG BESONDERER VERTRETER*INNEN

Kurzzusammenfassung: Der FC St. Pauli setzt mittlerweile mehr als 50 Mio. Euro pro Jahr um und beschäftigt mehrere hundert Mitarbeiter*innen, was einem mittelständischen Unternehmen gleicht. Die aktuelle Führungsstruktur ist mit Blick auf diese Entwicklung nicht mehr zeitgemäß und lässt das ehrenamtliche Präsidium an seine Grenzen stoßen. Hinzu kommt, dass die Verantwortungsübernahme auch nicht mehr im Verhältnis zum alleinigen Haftungsrisiko steht. Aus diesen Gründen haben der Aufsichtsrat und das Präsidium in den vergangenen Jahren verschiedene Modelle der Gremien- und Führungsstruktur für den FCSP erarbeitet und diskutiert und gemeinsam einen Satzungsänderungsantrag entwickelt.  

Präsident Oke Göttlich schilderte den anwesenden Mitgliedern die Gründe für den eingereichten Satzungsänderungsantrag und nahm sich dabei viel Zeit, um diese ausführlich zu erläutern. Viele Mitglieder nutzten anschließend die Möglichkeit für inhaltliche Nachfragen, u.a. zur Haftung und Verantwortung der besonderen Vetretreter*innen, zu deren Besetzung, zum finanziellen Aufwand und zur Möglichkeit für Mitglieder, die Arbeit der besonderen Vertreter*innen zu bewerten. Zudem kamen die Fragen auf, statt der Besonderen Vertreter*innen Expert*innen auf Honorarbasis hinzuzuziehen oder ein hauptamtliches Präsidium zu installieren. Während der Diskussion legte die Aufsichtsratsvorsitzende Sandra Schwedler die Funktion des Aufsichtsrates als Kontrollgremium dar und stellte wie auch die zuvor von der Mitgliederversammlung zur Vizepräsidentin gewählte Esin Rager auch noch mal die Wichtigkeit des Antrages klar. Nach allen Wortbeiträgen hatte die Mitgliederversammlung mehrheitlich dafür gestimmt, im schriftlichen Verfahren über diesen Antrag abzustimmen.

Nach einer kurzen Pause verkündete Versammlungsleiter Dr. Kristian Heiser um 16:11 Uhr das Ergebnis. Von den 416 gültigen Stimmen waren 353 für den Antrag - somit wurde die Einführung der besonderen Vertreter*innen von der Mitgliederversammlung mit der notwenigen Dreiviertelmehrheit, für die 312 Ja-Stimmen notwendig waren, beschlossen.

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ANPASSUNG ZUSTIMMUNGSERFORDERNISSE AUFSICHTSRAT

Kurzzusammenfassung: Die Zustimmungserfordernisse bei bestimmten Geschäften durch den Aufsichtsrat ist ein wichtiger Bestandteil unserer Satzung. Da dieser Bereich der Satzung sehr lange nicht geändert wurde, haben wir im vergangenen Jahr im Aufsichtsrat diese zustimmungspflichtigen Geschäfte geprüft. Dabei hat der Aufsichtsrat festgestellt, dass dieser nicht überall mehr zeitgemäß sind. Um dieser Kontrollfunktion wieder einen sinnvollen Rahmen zu geben, schlägt der Aufsichtsrat die Anpassung der Satzung vor.  

Aufsichtsratsmitglied Sönke Goldbeck erläuterte kurz die Gründe für den Antrag, ehe über diesen auch schon abgestimmt wurde. Die Abstimmung fand dieses Mal wieder per Akklamation statt. Der Antrag wurde ohne Gegenstimme und bei fünf Enthaltungen mit deutlicher Mehrheit von den anwesenden Mitglieder beschlossen.

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EINFÜHRUNG EINER QUOTE

Kurzzusammenfassung: Der FC St. Pauli tritt gegen Rassismus und Diskriminierung ein und steht somit für Diversität und Vielfalt. Diese Vielfalt spiegelt sich bisher nicht in den durch die Mitgliederversammlung zu wählenden Organen wider. Der Anteil von Frauen in diesen Gremien entspricht nicht dem Anteil weiblicher Mitglieder in unserem Verein und vor allem nicht dem Anteil von Frauen in der Gesellschaft, in der wir leben. Die Erfahrungen in anderen Vereinen und Organisationen haben gezeigt, dass die Einführung einer Quote das wirksamste Mittel ist, schnell und nachhaltig unsere Gremien geschlechtergerechter besetzen.  

Suzann Edding, seit 2017 Mitglied im Ehrenrat und seit 2019 Mitglied in der "AG Diversität", richtete einige Worte an die Mitgliederversammlung, gab dabei kurz Einblicke in die Arbeit der "AG Diversität" und legte ausführlich die Gründe für den eingereichten Antrag dar. Die Quote sei es deutliches Zeichen an interessierte Frauen, sich beim FC St. Pauli einzubringen, und ein wichtiges gesellschaftliches Ziel, das der FC St. Pauli senden will, so Edding. Nachdem Oke Göttlich betont hatte, dass das Präsidium den eingereichten Antrag vollumfänglich unterstützt, folgte eine lange und rege Diskussion mit Pros und Contras für die Einführung der Quote.

Die Mitgliederversammlung sprach sich anschließend mit deutlicher Mehrheit gegen eine schriftliche Abstimmung und für eine Abstimmung per Akklamation ab. Bei nur sechs Gegenstimmen und drei Enthaltungen stimmten die Mitglieder mit deutlicher Mehrheit für den Antrag ab.

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ERWEITERUNG DES AMATEURVORSTANDES UM EIN NEUES AMT: STELLV. VORSITZENDE/R DIVERSITY

Kurzzusammenfassung: Als weitere flankierende Maßnahme möchten wir auch im Amateursport den nächsten Schritt zur Förderung und Unterstützung der Diversität gehen. Die/der neue stellv. Vorsitzende/r "Diversity" wird vollwertiges Mitglied im Amateurvorstand und durch die Sporttreibenden Abteilungen über die Delegiertenversammlung gewählt. Die Hauptaufgabe wird die Unterstützung bei der Beseitigung von Benachteiligungen in jeglicher Form und Förderung von Mitgliedern sein, deren Gruppen in den Gremien des FC St. Pauli 1910 e.V. unterrepräsentiert sind. 

Carsten Balschat aus dem Amateurvorstand trat ans Rednerpult, erläuterte kurz den Antrag des Amateurvorstandes und bat die Mitgliederversammlung um Zustimmung. Christiane Hollander betonte im Namen des Präsidiums, dass dieses den Antrag unterstützt. Ohne Gegenstimme und mit nur einer Enthaltung wurde der Antrag nahezu einstimmig angenommen.

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ANTRÄGE

(einfache Mehrheit aller gültigen Stimmen ausreichend)

 

ERGÄNZUNG DER LEITLINIEN

Kurzzusammenfassung: Der FC St. Pauli zeichnet sich unter anderem besonders dadurch aus, dass er allen Mitgliedern möglichst gleiche Chancen bei der Ausübung ihres Sports und bei der Mitarbeit in den Vereinsgremien bietet. Die Gründe dafür, dass bisher nur wenige Frauen für ein Amt in den Spitzengremien des Vereins kandidiert haben, dürften kaum in den mangelnden Wahlchancen liegen, sondern in psychologischen Hürden anderer Art, zum Beispiel in einem mangelnden Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dieses Selbstbewusstsein gilt es zu stärken, zum Beispiel durch offensive Werbung und Überzeugungsarbeit, aber auch durch eine auch für die Bedürfnisse vieler Frauen kompatiblere Gestaltung der Gremienarbeit. Voraussetzung für all dies wäre die Beauftragung einer validen Erhebung über die Gründe der geringen Bereitschaft von Frauen, für Spitzenämter im Verein zu kandidieren.  

Uwe Doll, einer der Antragssteller des Antrags, hatte im Rahmen des Antrags zur Einführung einer Quote bereits erläutert, dass der Antrag zur Ergänzung der Leitlinien von den Antragssteller*innen zurückgezogen wird, sollte der Antrag zur Einführung einer Quote die notwendige Dreiviertelmehrheit erhalten. So kam es nach der zuvor erfolgten Zustimmung für die Einführung der Quote dann auch, der Antrag wurde zurückgezogen.

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EINRICHTUNG EINER KOMMISSION ZUR NEUGESTALTUNG GEDENKORT HARALD-STENDER-PLATZ

Kurzzusammenfassung: Das Präsidium wird mit der Einrichtung einer Kommission beauftragt, welche zum Ziel hat, den Gedenkort auf dem Harald-Stender-Platz neu zu gestalten. Einzubeziehen sind sowohl der Gedenkstein von 1962 als auch die Gedenktafel von 2004.  

Gregor Backes, einer der Antragssteller*innen, richtete einige Worte an die Mitgliederversammlung und legte die Gründe für den Antrag, der vom Präsidium unterstützt wird, dar. Ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung wurde der Antrag per Akklamation einstimmig von der Mitgliederversammlung angenommen.

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HILFSMITTEL/HANDLÄUFE IM SITZBEREICH DER TRIBÜNEN

Kurzzusammenfassung: Viele ältere Fans haben ihren Platz in den Sitzbereichen des Millerntor-Stadions. Nicht wenige von ihnen sind auf Grund ihres Alters mobilitätseingeschränkt. Das Erreichen und Verlassen dieser sehr steil ansteigenden Bereiche ohne Möglichkeit sich fest zu halten kann nur unter Mühen und/oder mit fremder Hilfe erfolgen. Deshalb wurde der Antrag gestellt, die Niedergänge in den Sitzbereichen der Tribünen mit Handläufen o.ä. Hilfsmitteln auszustatten.  

Zu diesem Antrag hatte Antragssteller Henning Scherder, der u.a. als Guide bei Stadionführungen tätig ist und über 600 Führungen im Millerntor-Stadion absolviert hat, einen Dringlichkeitsantrag gestellt und seinen ursprünglichen Antrag geändert. Dieser sah u.a. vor, dass der Verein prüfen solle, weitere barrierefreie Plätze im Millerntor-Stadion zu installieren. Vizepräsidentin Esin Rager betonte die Wichtigkeit des Antrags und sagte die Unterstützung des Präsidiums zu.

Erst einmal wurde der Dringlichkeitsantrag mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit angenommen, anschließend wurde der geänderte Antrag einstimmig angenommen.

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AUSSCHLUSS VON PRESSEVERTRETER*INNEN

Kurzzusammenfassung: Der Satzung des FC St. Pauli fehlt bisher diese Möglichkeit, die viele andere Vereine jedoch haben. Ebenso hat die Mitgliederversammlung des FC St. Pauli nicht selber die Möglichkeit, einen Ausschluss zu veranlassen. Es kann viele Gründe geben warum einzelne oder alle Pressevertreter*innen von zukünftigen Mitgliederversammlungen ausgeschlossen werden sollten. 

Zwei der Antragssteller*innen erläuterten zunächst den eingereichten Antrag und betonten dabei noch mal, das Präsidium bei dem zu formulierenden Satzungsänderungsantrag zu unterstützen. Oke Göttlich erklärte, dass das Präsidium den eingereichten Antrag in der gewählten Form nicht unterstützt, und bat die Antragssteller darum, den Antrag zurückzuziehen. Im Names des Präsidiums diskutierten Göttlich und die Antragssteller zunächst, ehe diverse Wortbeiträge von Mitgliedern folgen sollten. Diese wiesen die Antragssteller u.a. auf einen möglichen Dringlichkeitsantrag und die dadurch mögliche Umformulierung des eingereichten Antrags hin, die beiden Antragssteller*innen entschieden sich aber dazu, ihn wie eingereicht zur Abstimmung bringen zu wollen.

Nach langer Diskussion wurde dann per Akklamation abgestimmt. Die Mitgliederversammlung stimmte mehrheitlich gegen den eingereichten Antrag ab. Göttlich betonte anschließend aber, dass das Präsidium den Antrag zum Anlass nehmen will, um mit den Antragssteller*innen über das Thema zu sprechen.