Im Blickpunkt Nr. 3
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"HANDBALL WAR FÜR MICH DER MITTELPUNKT MEINES LEBENS"

Seit 75 Jahren ist Lotti Drabner Mitglied beim FC St. Pauli. Somit ist die ehemalige Oberschwester so lange im Verein, wie niemand sonst. Erstmals spricht die Mitbegründerin der Handballabteilung ausführlich darüber, wie dieser Sport ihr Leben seit der Jugend geprägt hat. Auf der JHV am 4. Dezember wurde ihr die „Diamantene Ehrennadel“ überreicht…

Als sich Lotte Ida Ella Lampe und etwa ein halbes Dutzend Mitschülerinnen kurz nach dem Beginn des 2. Weltkrieges gemeinsam entschlossen, Sport beim FC St. Pauli zu treiben, gab es in Hamburg zwar noch keine Angst vor Bomben abwerfenden Flugzeugen, aber gleichwohl hatte die Militarisierung der Bevölkerung bereits direkte Auswirkungen auf die Schülerinnen der Volksschule am Holstenwall. Mit ein Grund dafür nämlich, dass Lotti Drabner, so der bekanntere Name der jetzt 92-Jährigen, und ihre dreizehn- bis vierzehnjährigen Freundinnen („Wie später auch, war ich damals schon die Älteste“) Sport treiben wollten, war die Einberufung des einzigen Turnlehrers zur Wehrmacht. Sport wurde am Holstenwall zwar noch getrieben, aber nur noch Brennball, Laufen & Co. Da traf es sich also gut, dass eine vereinsnahe Dame in den Volksschulen der Umgebung nach jungen Mitstreiterinnen forschte, die Lust aufs Handballspielen auf dem Heiligengeistfeld – bis 1942 noch gänzlich ohne Bunkerbauten – hatten.

Lotti Drabner wurde im April 1926 in Eimsbüttel geboren. Dort wuchs sie zunächst mit ihrer alleinerziehenden Mutter auf, die als Matratzennäherin den Lebensunterhalt bestritt und die Drabner als „sehr lieben Menschen“ beschreibt „der alles für mich gegeben“ hat. Ihren unehelichen Vater sah sie hingegen nur zweimal in ihrem Leben. Als sie eingeschult wurde, lebten Mutter und Tochter bereits in neuer Wohnung in der Poolstraße im Neustadt genannten Quartier und somit nur wenige Gehminuten von der Schule sowie dem Heiligengeistfeld entfernt. „Uns ging es damals ganz gut, denn wir hatten immer zu essen. Das lag natürlich auch daran, dass einige der sechs Geschwister meiner Mutter Lebensmittelläden besaßen“, erinnert sich Drabner rückblickend. Nur die häufigen Umzüge, die nervten die junge Lotti ein wenig. Zwar blieben die beiden stets in der Nähe des Millerntors, doch direkt auf St. Pauli hat man nie gewohnt. Das war aber auch nicht notwendig, denn der Stadtteil wurde durch den Sport dennoch zum Lebensmittelpunkt Lotti Drabners.


Von Beginn an Mentor der jungen Handballerinnen im Verein – die bis dahin alle keine Ahnung von dieser Sportart besaßen – war Erich Mücke, der als langjähriger Abteilungsleiter erfolgreich am Aufbau der 1933 gegründeten Rugbysparte beim FC St. Pauli mitgewerkelt hatte. Mücke übernahm auch gleich selbst das Training der ehrgeizigen Mädchen. Drabner kann darum auch nur positiv über den ehemaligen Turniertänzer reden: „Er war für uns wie ein Vater. Einen besseren Förderer konnten wir nicht finden.“ Offiziell wurde die ganze Angelegenheit dann allerdings erst 1943, als – nach 1934 zum zweiten Mal – der abermalige Versuch unternommen wurde, eine Handballabteilung beim FC St. Pauli zu etablieren. Wieder waren nur Frauen die Pionierinnen, doch dieses Mal sollte die Unternehmung erfolgreich verlaufen. Lotti Drabner, die die volle Unterstützung ihrer Mutter genoss, trat am 24. Oktober 1943 in den Klub ein und baute mit Enthusiasmus und „Einsatzwillen“, so wie es Mücke stets verlangte, die neu entstehende Handballabteilung mit auf. Und weil sie bis heute nie ausgetreten ist, ist Drabner somit das langjährigste Vereinsmitglied beim FC St. Pauli.

Nach neun Jahren Volksschule begann die junge Frau etwa parallel eine Ausbildung an der Kinderpflegerinnenschule in der Feldbrunnenstraße im Stadtteil Rotherbaum. In Erinnerung blieben Drabner aus dieser Zeit vor allem die Fliegeralarme, als man sich flüchtend in die Kellerräume des nahen Völkerkundemuseums begab. Auch der Sport blieb natürlich von den verheerenden Bombenangriffen auf Hamburg („Operation Gomorrha“) im Sommer 1943 nicht verschont: „Fliegeralarm beim Training oder bei einem Spiel gab es zwar selten, aber zwei bis drei Mal mussten wir tatsächlich von unserem Trainingsplatz auf dem Heiligengeistfeld neben dem Bunker gegenüber in den schützenden „Gerichtskeller“ an der Ecke Feldstraße/Karolinenstraße rennen“, erinnert sich Drabner. „Aber Angst verspürte ich eigentlich nie!“ Das Lokal „Gerichtskeller“ fungierte damals quasi als Vereinsheim, und dort hatten die Aktiven auch die Möglichkeit, sich umzuziehen.

Das erste offizielle Handballspiel der St.-Pauli-Damen, die einmal wöchentlich trainierten – im Sommer auf Grand auf dem Heiligengeistfeld, im Winter in einer Schulturnhalle in der Seilerstraße –, fand dann allerdings am 12. Dezember 1943 nicht auf dem Heiligengeistfeld, sondern auswärts an der Sternschanze bei Hammonia statt, die von den agilen Braunweißen glatt mit 5:0 vom Platz gefegt wurden. Am Ende musste man „mit 22 verletzten Knien“ leben, wie die Vereinschronik später schrieb. Lotti Drabner agierte als Spielführerin – dies blieb sie bis zum Karriereende – und zog im Mittelfeld die Strippen. „Die Tore, die ich selbst gemacht habe, kann man an zwei Händen abzählen, aber die Rolle als Mittelläuferin und Regisseurin lag mir gut“, berichtet sie heute ein wenig stolz. Insgesamt sollen damals bereits etwa 70 Beine regelmäßig in der Sparte aktiv gewesen sein. Männerwaden begannen mit ihren Knickwürfen für den FC St. Pauli allerdings erst einige Jahre später.



Da war Lotti Drabner und ihren Mitstreiterinnen längst der erste Aufstieg in die Hamburger Stadtliga gelungen, und auch beruflich wurden nach dem Krieg neue Wege beschritten: „Ich bin dann ins UKE gegangen, um mich dort an der Schwesternschule ausbilden zu lassen.“ Es folgten Einsätze in der HNO-Abteilung und später in der Orthopädie, zunächst als einfache Krankenschwester, dann als OP-Schwester und schließlich für die letzten zehn Berufsjahre die Beförderung zur Oberschwester. „Hier am UKE habe ich auch meinen Mann kennengelernt, der 14 Jahre älter war als ich und in der Hauptverwaltung arbeitete. Beim FC St. Pauli sind wir ja kaum mit Männern in Kontakt gekommen. Höchstens mal bei Weihnachtsfeiern“, erläutert sie das nicht eben rege Vereinsleben damals. Doch akzeptiert fühlte man sich absolut, als einziges Frauenteam im Klub: „Uns wurde schon vermittelt, dass die meisten Männer geradezu stolz auf unser Damenteam waren“, stellt Drabner klar.


Geheiratet wurde dann 1957 – und auch die Zweieinhalbzimmerwohnung bezogen, in der Lotti Drabner nun schon seit mehr als 60 Jahren lebt. Damals bestand ihr Ehemann, den Ex-Mitspielerin Monika Klostermeier (spätere Peterson) heute als sehr geselligen Menschen beschreibt, der „bei Feiern und Ausflügen immer seine Gitarre dabei hatte“, darauf, dass Drabners Mutter mit in die neue kleine Wohnung einziehen müsse. „Mein Mann wollte nicht, dass sie nach 30 Jahren plötzlich ganz allein leben sollte.“ Und so bezog das frisch vermählte Paar eineinhalb Zimmer, Drabners Mutter eins.

Zwei Jahre vor der Eheschließung war Monika Klostermeier zum FC St. Pauli gestoßen und blieb jahrelang Sportskameradin und Freundin. „Viele aus der Mannschaft haben auch privat sehr viel gemeinsam unternommen“, erinnert sich Drabner glückselig an den Zusammenhalt im Team. Auch Monika Peterson (76) denkt noch mit Freude an Gemeinsames: „Wir sind sogar zusammen in den Skiurlaub gefahren.“ Und auch in Erinnerung an ihre frühere Teamkapitänin, zu der noch immer Kontakt besteht, kommt der Ex-Torfrau nur Positives in den Sinn: „Lotti war immer eine sehr liebenswerte, hilfsbereite und fürsorgliche Person. Als Mannschaftsführerin konnte sie aber auch energisch sein und bestand auf Pünktlichkeit und regelmäßige Trainingsbeteiligung.“ So scheinen offensichtlich die Eigenschaften zweier Menschen Lotti Drabner besonders geprägt zu haben: die von Mutter Helene und Erich Mücke.

Im Oktober 1959, Mücke hatte die Übungsleitung längst an diverse Nachfolger weitergereicht, übernahm Horst Peterson den Trainerjob bei der ersten Damenmannschaft. Jener Peterson, der 1965 nicht nur Ehemann von Torfrau Klostermeier werden sollte, sondern später als Veranstalter der Hamburger Hallenfußballturniere bekannt wurde. Mit ihm gelang 1963 der Aufstieg in die Oberliga Hamburg, der damals höchsten Spielklasse. „Peterson hat uns im positiven Sinne richtiggehend getrietzt, damit wir diesen Sprung schaffen. Aber wir waren selbst auch sehr ehrgeizig, und im Hintergrund wirkte ja auch immer noch Erich Mücke als Motivator“, erklärt Drabner die Leistungsexplosion. Bis zum April 1970 blieb die beliebte Spielführerin Teil der 1. Mannschaft, ehe sie sich mit Mitte 40 ins braunweiße Reserveteam zurückzog.

Zwischen 1983 und 1993 ereignen sich dann einschneidende Dinge. Zuerst stirbt der Ehemann völlig überraschend: „Nachdem er mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert wurde, schien er wieder völlig normal und alle dachten, morgen würde er entlassen; doch dann war er am nächsten Morgen tot. Man hat mir nie erzählt, woran er gestorben ist, und ich Dussel habe auch nie nachgefragt.“ 1985 folgt Mentor Mücke, und 1993 stirbt auch noch die geliebte Mutter 94-jährig. Zwischendrin, 1990, nahm die ehrgeizige Hamburgerin auch noch 64-jährig Abschied vom geliebten UKE-Job. Da das Ehepaar kinderlos geblieben war, pflegte die Powerfrau nun umso intensivere Kontakte zu ehemaligen Mitspielerinnen. „Bis heute ruft Lotti bei Ehemaligen zu Geburtstagen an und meldet sich auch zu Weihnachten“, weiß Monika Peterson zu berichten. „Eigentlich wollte ich Kinder, aber es hat nie gepasst. Vielleicht lag es auch ein bisschen daran, dass ich mich so sehr aufs Handballspielen konzentriert hatte. Für mich war Handball immer das Wichtigste, der Mittelpunkt meines Lebens. Der hat mir hinterher richtig gefehlt“, bestätigt Drabner.

Nach der Handball-Phase widmeten sich einige Spielerinnen gemeinsam dem Tennissport, später wechselte man in die Halle um sich dort fit zu halten. Noch bis vor ein paar Jahren trafen die betagten Damen sich zum Softtennis-Wettbewerb in der Turnhalle der Anna-Siemsen-Schule am Zeughausmarkt in der Neustadt. Das ist für Lotti Drabner, die bis heute bei den Zweitligafußballern via TV und Tageszeitung mitfiebert, heute jedoch körperlich nicht mehr drin, und forscht aktuell nach einem bezahlbaren Zimmer in einer Seniorenresidenz. „Bei der Suche habe ich mich gefragt: Warum hat St. Pauli eigentlich keine Altersheime? Ich würde sehr gerne in diesem Stadtteil leben – das würde dann das erste Mal in meinem Leben sein“, bekräftigt die geistig immer noch putzmuntere Rentnerin ihre stete Verbundenheit mit dem Viertel.


Ronny Galczynski („Übersteiger“ #134 vom 22.12.2018)


Fotos: Ariane Gramelsbacher & FC St. Pauli Handball