Im Blickpunkt
6/15

"Wir sind uns unserer Rolle als gesellschaftlicher Akteur mehr als bewusst"

Die Corona-Krise hat das tägliche Leben weiterhin fest im Griff und dabei trifft es die Schwachen der Gesellschaft oftmals am härtesten. Beim FC St. Pauli werden alle Hilfsangebote seit inzwischen knapp sechs Wochen unter dem Begriff #stpaulisolidarisch gebündelt. Im Interview erläutert Michael Thomsen, Geschäftsleiter CSR, die Hintergründe des Engagements.

Moin Michael, wo lagen die Anfänge dieser Aktion und wie hat sich das Engagement seitdem entwickelt?

Dass sich der FC St. Pauli seit vielen Jahren sozial engagiert, ist ja allgemein bekannt. Das liegt ja vor allem an der Geschichte des Vereins und einer Fanszene, die sich immer für gesellschaftliche Fragestellungen und Notlagen einsetzt und sich ehrenamtlich weit über das Millerntor hinaus engagiert. Als dann Mitte März klar wurde, dass wir aufgrund der Ausbreitung von Covid-19 einen sogenannten Shut-Down erleben werden, war klar: Wir als Verein müssen schnellstmöglich handeln, um dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

Wie seid Ihr zunächst vorgegangen?

Wir waren uns im CSR-Team sehr schnell einig, dass wir zunächst individuelle Hilfe anbieten wollen für Menschen, die z.B. nicht einkaufen gehen können, die Unterstützung im Alltag brauchen. Gleichzeitig haben wir intensiven Kontakt zu den Partnern im Stadtteil gesucht, um herauszufinden, wo es gerade hakt und was wir als Verein mit unseren Kolleg*innen tun können. Auch war uns sehr bewusst, dass nun gerade auch die Arbeit des KIEZHELDEN-Spendenbeirates wichtig werden wird. Denn durch die Absage der Spieltage konnten wir keine Spenden durch z.B. die Pfandbecher im Millerntor erwarten. Diese Spendengelder, die der Spendenbeirat auf Projekte im direkten Fanumfeld verteilt, aber auch an gemeinnützige Organisationen im Stadtteil weiterleitet, sind jedoch für die Arbeit der jeweiligen Projekte sehr wichtig. Also mussten wir auch hier überlegen, was können wir tun, um die fehlenden Spenden aufzufangen. In der dritten Ebene folgten dann unsere Projekte wie z.B. „Fußball trifft Kultur“ (Anmerkung der Redaktion: Fußballtraining und Nachhilfeunterricht). Wie geht es weiter mit den Programmen, wenn die Schulen schließen und wir „physical distancing“ leben müssen? Dann kamen immer mehr Bereiche des FC St. Pauli dazu und es wurden zahlreiche Initiativen gestartet, z.B. das Online-Sportangebote der Rabauken.

Ganz konkret: Was leistet #stpaulisolidarisch und wie kann man Kontakt aufnehmen?

Kontakt ist ganz einfach: Über unsere Homepage gibt es ein Kontaktformular, wo Einzelpersonen oder gemeinnützige Organisationen nach ehrenamtlicher Hilfe fragen können. Ebenso geht eine Kontaktaufnahme via E-Mail an kiezhelden.kontakt@fcstpauli.com oder per Telefon, bzw. Anrufbeantworter 040-317874502. Wir wollen so niedrigschwellig wie möglich erreichbar sein. Wir melden uns dann schnellstmöglich zurück und versuchen zu helfen. Viele Hilfsanfragen erreichen uns auch durch unsere gute Vernetzung in den Stadtteil und in die Fanszene. 

Wie sieht die Resonanz bisher aus? 

Wir haben festgestellt, dass die nachbarschaftliche Hilfe im Viertel sehr gut funktioniert. Gute alte Tradition: Man kümmert sich auf St. Pauli umeinander. Auch die sozialen Projekte und Initiativen, viele Einzelpersonen und Bündnisse, die Gastronomie und das Gewerbe im Stadtteil sind komplett dabei zu helfen und haben eigene Hilfsangebote auf die Beine gestellt. Wir sehen aber auch die finanziellen Herausforderungen, die gerade viele kleine Geschäfte, Clubs und Restaurants zu stemmen haben, um zu überleben. Da rufen wir alle auf, genau hinzugucken und den jeweiligen Lieblingsladen zu unterstützen. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten und Aktionen. Großartig war die Bereitschaft seitens der Mitarbeiter*innen des FC St. Pauli und aus der Fanszene, zu helfen und #stpaulisolidarisch zu unterstützen. In Ableitung eines schönen Filmtitels vom Übersteiger kam mir dann immer der Satz „Und ich weiß, warum ich hier arbeite“ in den Sinn. Das positive Feedback zur Hilfe im Stadtteil ging durch alle Bereiche des Vereins und das obwohl natürlich auch unsere eigene Lage zu Unsicherheit und Ängsten führte und wir vom einen auf den anderen Tag in den Notbetrieb umschalten mussten. Daher gilt es wirklich allen zu danken, die sich gemeldet haben und auch aktiv geworden sind!

Welche Bereiche und Aktionen umfasst das Engagement bisher?

Das ist aufgrund der vielfältigen Aktionen recht schwierig komplett darzustellen: Aber einige kleine Bespiele: Gerade die FSJler der Rabauken sind stark in Einkaufshilfe-Aktionen eingebunden, die Tischtennisabteilung spendete Schläger für eine Einrichtung der Jugendhilfe in Altona, damit dort Freizeitangebote stattfinden konnten, und, und, und… Was sich sehr schnell herauskristallisierte war, dass gerade Menschen, die von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen waren, nun schnellstmöglich unterstützt werden mussten. Es waren ja kaum noch Menschen auf der Straße, die Geld in Büchsen oder Dosen werfen konnten. Gleichzeitig mussten die Einrichtungen der Obdachlosigkeit schließen oder ihre Angebote auf ein Mindestmaß herunterfahren. Gemeinsam mit der Alimaus (Anmerkung der Redaktion: Einrichtung der Obdachlosenhilfe am Nobistor) wurden daher z.B. Essenpakete gepackt und anschließend in der Stadt verteilt. Dem Café mit Herz im alten Hafenkrankenhaus wurden Einweggeschirr und Nahrungsmittel von unserem Eventteam vorbeigebracht und dann startete GoBanyo die Öffnung der Schwimmhalle an der Budapester Straße, um Duschmöglichkeiten für Menschen bereitzustellen. Hier sind unsere Kolleg*innen gerade aus den beiden Fanshops am Millerntor und an der Reeperbahn stark im Einsatz und helfen, dass dieses Angebot stattfinden kann. Auch gab es T-Shirts und andere Textilspenden aus unserem Merchandising für Projekte der Obdachlosenhilfe. Eine sehr große Aktion war das Packen und das Verteilen von über 2.500 Ostergeschenk-Tüten für die Wohngruppen von Leben mit Behinderung Hamburg. Das haben wir innerhalb von wenigen Tagen umsetzen können, um konkret, schnell und niedrigschwellig zu helfen. Dies alles ging nur, da auch Teile der Fanszene aktiv mit angepackt hatten. Es ehrt diese Menschen und unsere Mitarbeiter*innen sehr, dass sie darum nicht viel Aufhebens machen, sondern wie selbstverständlich mit dabei sind und viele Dinge tun, die sie nicht an die große Glocke hängen. Daher DANKE! You know who you are!

Auch aus dem Verein selbst sind verschiedene Angebote entstanden. Kannst Du da einen Überblick geben?

In nahezu allen Bereichen des FC St. Pauli ist das solidarische Handeln gerade in der jetzigen Krisensituation normal und stetiger Begleiter des Handelns. Da kann man viele Beispiele nennen und nur den Hut vor der Kreativität und Hilfsbereitschaft ziehen. Die Rabauken haben z.B. direkt virtuelle Sportangebote und andere Mitmachangebote initiiert und umgesetzt. Auch die Medien- und Marketingabteilungen wurden aktiv und kreierten Malbücher, Suchbilder oder Kreuzworträtsel für ein wenig Ablenkung. Ein besonderer Augenblick war für mich, als wir zum vermeintlichen Heimspiel gegen Heidenheim sowohl das „Herz von St. Pauli“ als auch „Hells Bells“ im Millerntor gespielt haben. Vor leeren Kurven. Und als dann diese Stille nach den Songs entstand, war das ein Zeichen an uns, an unsere Fans und den Stadtteil „We´re still here and we’ll come back stronger.“ Dass wir diesen Wunsch aus der Fanszene möglich machen konnten, ging nur mit der Zusammenarbeit zwischen den Menschen, die für das Stadion und Sicherheit zuständig sind und der Medienabteilung. Und das ist wahrscheinlich das Wesentliche: Alles, was wir bei #stpaulisolidarisch tun, geht nur im Zusammenspiel zwischen allen Arbeitsbereichen des FC St. Pauli. Kooperation und Umsetzung fußt bei uns auf den Austausch zwischen den Mitarbeiter*innen. Ein großer Dank an dieser Stelle auch unseren Partnern und Sponsoren, die uns immer wieder hilfreich zu Seite springen und uns tatkräftig auf vielfältige Weise unterstützen!

Du hast schon die Arbeit des Spendenbeirats und die Notwendigkeit für Spenden erwähnt. Wo kann man helfen?

Wir gehen fest davon aus, dass mit der jetzigen Krise viele finanzielle Lücken bei unseren Projekten in der Fanszene und in Initiativen im Stadtteil einhergehen. Daher war es außerordentlich wichtig, zahlreiche Möglichkeiten zu schaffen, um Spenden für diese zu sammeln. So gibt es z.B. das sogenannte „Pfandraising“: Hier kann man einen Pfandbecher, den man sonst am Spieltag in die Tonnen von Viva con Agua werfen würde, virtuell spenden. Toll ist auch die Aktionen unserer Fanshops: Im Onlineshop gibt es einen eigenen #stpaulisolidarisch-Artikel, eine Spende von einem Euro, die man einmal oder auch mehrmals in den Warenkorb legen kann.  Dass alle Erlöse aus dem Verkauf unserer Mundschutzmasken an den KIEZHELDEN-Spendenbeirat gehen, ist darüber hinaus eine große Unterstützung. Und wir sind uns sicher: Auch der eventuelle Verzicht bei der Rückerstattung von Tickets anteilig von 19,10 Prozent von der möglichen Rückerstattungssumme, wird den Projekten helfen. Wir garantieren jedem Fan, der diese Option nutzen möchte, dass hier jeder Euro in den Projekten ankommt.

Das Coronavirus wird unseren Alltag wohl noch lange begleiten. Entsprechend wird auch das Thema Hilfe präsent bleiben. Wie geht es mit #stpaulisolidarisch weiter?

Wir müssen aufgrund der Dynamik und der sich stets ändernden politischen und gesellschaftlichen Rahmenumstände schauen, wie sich alles weiterentwickelt und wo wir weiter und womöglich noch intensiver helfen können, wollen und müssen. Wir sind uns unserer Rolle als gesellschaftlicher Akteur mehr als bewusst und werden davon auch nicht abweichen. Hier auch einen großen Dank an das gesamte CSR-Team! Gemeinsam finden wir schnelle Lösungen und setzten Aktionen und Projekte in die Tat um. Das wird auch in Zukunft so sein.

Zu guter Letzt: Möchtest Du den Menschen, die das hier lesen, noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich bin kein Politiker und kein Virologe, aber wir sollten alles tun, das hilft, Menschenleben zu retten und die Ansteckungskurve möglichst niedrig zu halten. Und wenn Fachleute Tipps geben und Vorschläge für das Miteinander machen, sollten wir uns daran halten. Unser Blick sollte aber auch zu den Menschen gehen, die gerade besonders betroffen sind, Menschen mit Behinderung, Senior*innen, Menschen mit wenig finanziellen Möglichkeiten, Obdach- und Wohnungslose und auch geflüchtete Menschen. Wenn es etwas Positives in dieser Krise geben kann, so ist es doch, dass wir als Menschen wieder mehr voneinander mitbekommen und wir unsere Solidarität wiederentdecken. Und da muss der Blick über unseren Stadtteil auch bis nach Moria hinausgehen. Denn mit dem Verlauf des Virus muss jeder und jedem von uns klar sein: Alles hängt in der globalisierten Welt mit allem zusammen und einzelne Insellösungen werden uns nicht voranbringen. Aber um es einfacher zu sagen: #leavenoonebehind! Bleibt alle gesund und passt auf Euch und Eure Mitmenschen auf!


Foto: FCSP 

Text: Hannes Bühler