Im Blickpunkt
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"Müssen ein großes Dankeschön loswerden"

Die aktuelle Situation hat alle im Griff. Selbstverständlich auch die vielen Abteilungen des FC St. Pauli. Wir sprachen mit Geschäftsleiter Amateursport Thomas Michael über die Lage in den Abteilungen und im Verein. 

Hallo Thomas, bevor wir über Deinen Bereich sprechen, erst einmal die Frage: Wie geht‘s Dir? 

Soweit gut. Die Menschen in meinem Umfeld sind gesund und ich selber auch. Mittlerweile habe ich einen guten Tagesrhythmus gefunden, der mir Struktur in die Tage bringt. Darum fällt mir die viele Zeit zu Hause auch nicht schwer. Wie allen fehlen mir Begegnungen und Gespräche. Das lässt sich nicht immer auf digitalen Wegen dämpfen, aber da müssen wir einfach durch. Was mir kräftig auf den Keks geht ist, dass viele Menschen immer noch nicht verstanden haben, dass ein paar Regeln gerade über ihren individuellen Befindlichkeiten stehen. Vor ein paar Tagen drängelte sich jemand im Supermarkt mit Körperkontakt an die Gemüsekiste neben mir. Ironischerweise trug er einen Mundschutz.

Uns alle, also natürlich auch unsere Mitglieder, treffen die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Kannst Du uns die aktuelle Situation in unseren Sporttreibenden Abteilungen skizzieren? 

Schon vor der Allgemeinverfügung, mit der Sportstätten in Hamburg geschlossen wurden, haben wir freiwillig den gesamten Sportbetrieb im Verein eingestellt. Das bedeutet nicht, dass die Abteilungen stillstehen. Es wird viel Arbeit geleistet, um unseren Mitgliedern trotz Kontaktbeschränkungen Möglichkeiten zu geben, sich untereinander auszutauschen oder zuhause individuell zu trainieren. Das ist sehr gut so und das müssen wir noch verstärken. In den kommenden Wochen wird die Bindung von Mitgliedern ein zentrales Thema im Verein sein. Die Abteilungen sind finanziell gesund aufgestellt. Solange wir die Mitglieder bei uns halten, haben wir im Amateurbereich kein Finanzierungsproblem. Darum werden wir in diesem Bereich unter diesen Bedingungen auch keine staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen müssen.

Wie gehen unsere Abteilungen mit der aktuellen Situation um? 

So, dass wir ein großes Dankeschön loswerden müssen. Trotz aktuell fehlender Sportangebote oder Angeboten der AFM haben wir in den vergangenen Wochen genau eine Beschwerde eines Mitglieds erhalten. Alle Mitglieder nehmen unser Vorgehen also als notwendig hin und bleiben unserem FCSP treu. Das ist mal wieder Ausdruck der Solidarität, die wir in unserem Verein erleben. In der aktuellen Krise brauchen wir genau das. Unsere Abteilungsleitungen und ehrenamtlich Engagierten meistern die Lage mit hoher Professionalität. Wir sind schnell gemeinsam in einen Krisenmodus gekommen, der von viel Vertrauen geprägt ist. In den meisten Abteilungen sind Maßnahmen bereits angelaufen, die Mitgliedern auch in dieser Zeit etwas bieten sollen. Aus der beschriebenen Notwendigkeit der Mitgliederbindung ist das das Entscheidende im Moment.

Solidarität ist wichtiger Faktor in der aktuellen Phase. Auch unsere Abteilungen (bspw. Unsere Handball-Abteilung) füllen diese Werte mit Leben. Ist es das, was unsere Abteilungen auszeichnet?

Auch, aber nicht nur. Fast alle unsere Sportangebote können Menschen auch in anderen Vereinen ausüben. Sie entscheiden sich aber bewusst für den FC St. Pauli. Neben der Solidarität sind auch alle anderen Werte, die wir in unserem FC St. Pauli-Kosmos leben und lieben, genauso wichtig.

Was zeigt Dir diese Zeit? 

Dass wir auch bei bester Vorbereitung und Planung immer von Unvorhergesehenem getroffen werden können. Das bedeutet, dass wir flexibel bleiben müssen, um auch in diesen Situationen schnell, aber besonnen handeln zu können. Günter Netzer habe ich mal gefragt, was für ihn das Wichtigste in seinem Leben sei. Er sagte, sich seine Gelassenheit zu bewahren. Ich versuche, das für mich persönlich bestmöglich umzusetzen und bin froh, dass alle im Verein aktuell auch so agieren.

Worauf kommt es jetzt für uns als Verein und unsere Abteilungen an? 

Wir sind in einer Krise, in der wir sehr viel stärker als sonst von externen Faktoren abhängen. Wir wünschen uns alle, dass wir möglichst bald wieder Spiele unserer Profis zumindest im Fernsehen sehen. Natürlich wollen wir auch in den Amateurabteilungen und nicht zu vergessen im NLZ möglichst bald wieder den Sportbetrieb aufnehmen. Wann der Tag X da ist, weiß aber Stand Mitte April niemand genau. Wir können also nur alles tun, um bestmöglich darauf vorbereitet zu sein. Da sich die Lage immer wieder verändern wird, müssen wir dabei in Szenarien denken, um alle notwendigen Vorbereitungen im Blick zu haben. Vieles davon erfordert nüchternes Denken und Handeln. Ganz sicher müssen wir aber auch andere Dinge kultivieren. Ich denke, Zuversicht sollte weit vorne stehen.


Welche organisatorischen Probleme bringt diese Zeit mit sich? Stichwort Veranstaltungen im Sommer...

Neben den vielen organisatorischen Aufgaben in den Abteilungsleitungen machen uns natürlich auch die Veranstaltungen Gedanken. Insbesondere geht es aktuell um den Stadtparktriathlon der Triathlon-Abteilung und den Lauf gegen Rechts der Marathon-Abteilung. Wir sind gemeinsam im Gespräch, wie wir mit diesen Veranstaltungen umgehen.

Was glaubst Du: Was können wir alle aus dieser Zeit mitnehmen?

Dass auch in einer solchen Zeit Chancen liegen, die wir nutzen können. Wir können damit auch schon heute anfangen. Wir alle haben uns in den vergangenen Wochen beispielsweise an digitale Zusammenarbeit gewöhnt. Im Bereich der Amateurabteilungen haben wir dazu bereits einen Workshop durchgeführt. Es wurde klar, dass hier viel Potential liegt und es wurden bisherige Schwächen und Wünsche sichtbar. Das ist nur ein Beispiel dafür, was wir noch erreichen können, wenn die Abteilungen zusammenarbeiten und Synergien nutzen. Ich bin überzeugt davon, dass die Sporttreibenden Abteilungen mit einer stärkeren abteilungsübergreifenden Zusammenarbeit noch viel mehr Kraft im Verein entwickeln können. Das wird allen nutzen, nicht nur den Abteilungen.


Vielen Dank für das Gespräch, Thomas! 


Foto: Witters